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Afrika entdeckt die Solarenergie – mit PV-Modulen aus China

FAZ

Von HANNA DECKER und JENS GIESEL

3. November 2025 · Der Kontinent entdeckt die Solarenergie. Günstige Module aus China könnten die Energiewende vorantreiben. Doch die neue Abhängigkeit birgt Risiken.

In Deutschland hat die dunkle, oft trübe Jahreszeit begonnen – und damit auch die Phase, in der Photovoltaikanlagen (PV) deutlich weniger zu tun haben. Ganz anders sieht es in vielen anderen Regionen der Welt aus. In Südamerika, im Nahen Osten und insbesondere in Afrika scheint die Sonne viel häufiger als in Mitteleuropa. Für Solaranlagen sind das nahezu ideale klimatische Bedingungen. 60 Prozent des weltweiten Solarpotentials schlummert in Afrika, schätzt die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch.

 

Und nun sieht es so aus, als würde der Kontinent auch endlich etwas aus seinem großen Potential machen: Der Import chinesischer PV-Module in viele afrikanische Länder ist zuletzt sehr stark gestiegen, geht aus Zahlen der Denkfabrik Ember hervor, die im August veröffentlicht wurden. Sie deuten auf einen strukturellen Trend hin: Künftig könnten die Module dabei helfen, Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser, Straßenlaternen, Brunnen und kleine Stromnetze mit umweltfreundlicher elektrischer Energie zu versorgen, so die Hoffnung. Noch immer haben knapp 600 Millionen Menschen auf dem Kontinent keinen Zugang zu Strom. 80 Prozent von ihnen leben auf dem Land.

 

Besonders eindrucksvoll ist die jüngste Entwicklung in Algerien: Dort stiegen die Einfuhren chinesischer PV-Module von August 2024 bis Juli 2025 um das 33-fache im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch in anderen Ländern ist der Trend eindeutig: In Sambia haben sich die Importe verachtfacht, in Botswana versiebenfacht, im Sudan versechsfacht. Liberia, die Demokratische Republik Kongo, Benin, Angola und Äthiopien verzeichnen jeweils eine Verdreifachung.

 

Insgesamt summierten sich die afrikanischen Solarmodulimporte in dem ausgewerteten Zeitraum so auf eine Kapazität von rund 15 Gigawatt – das entspricht der Leistung von etwa 15 großen Atom- oder Kohlekraftwerken. Zuvor hatte vor allem Südafrika viele Module aus China importiert. Auch Pakistan gilt im globalen Süden als Vorbild in Sachen Solarstrom. Alle Länder profitieren vom enormen Preisverfall der Module in den vergangenen Jahren.

 

Bislang spielte Solarenergie in Afrika eine vergleichsweise geringe Rolle: Im vergangenen Jahr wurden nur 3,7 Prozent des gesamten Stroms von PV-Anlagen erzeugt. Eine herausragende Rolle im Strommix spielen immer noch Kohle (25 Prozent) sowie das zunehmend verbreitete Gas (43 Prozent). Nahezu konstant geblieben in den vergangenen 25 Jahren ist der Anteil der Wasserkraft (knapp 17 Prozent). Auch Diesel-Generatoren sind immer noch weit verbreitet.

 

Die jüngsten Importe könnten nun die Solarstromerzeugung vor allem in Sierra Leone, dem Tschad und in Liberia kräftig steigern, hat Ember ausgerechnet.

 

Kritiker warnen jedoch, dass sich Afrika verstärkt in chinesische Abhängigkeit begibt. Seit gut zehn Jahren investiert das Land im Rahmen der Initiative „Neue Seidenstraße“ dort verstärkt in Infrastrukturprojekte. Die Europäische Union versucht, mit ihrer Global-Gateway-Initiative gegenzuhalten. Erneuerbare Energien spielen darin eine Schlüsselrolle. Ende September gab die Kommission bekannt, weitere 545 Millionen Euro für die Elektrifizierung des afrikanischen Kontinents und zur Modernisierung der Netze zur Verfügung zu stellen. Das Paket werde Millionen Menschen in Afrika Zugang zu Strom verschaffen, sei aber auch für den Rest der Erde hilfreich, so das Versprechen. „Die Entscheidungen, die Afrika heute trifft, prägen die Zukunft der ganzen Welt“, ließ Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen – selten um große Worte verlegen – mitteilen: „Eine Energiewende hin zu sauberer Energie auf dem Kontinent wird Arbeitsplätze, Stabilität und Wachstum schaffen und zur Erreichung unserer globalen Klimaziele beitragen.“

Laut der Internationalen Energie-Agentur (IEA) sind solche Summen aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein: In einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Bericht kommt sie zu dem Schluss, dass innerhalb des kommenden Jahrzehnts jedes Jahr 15 Milliarden US-Dollar investiert werden müssten, um jedem Menschen einen Stromanschluss zu besorgen. Im Jahr 2023 wurden insgesamt jedoch weniger als 2,5 Milliarden Dollar bereitgestellt, zumindest für Subsahara-Afrika. Und zuletzt wurde die Finanzierung von Entwicklungshilfeprojekten weltweit tendenziell eher gekürzt als ausgebaut.

 

Eine Lücke, in die China springen könnte. Was passieren kann, wenn das Land seine Muskeln spielen lässt, haben die vergangenen Wochen gezeigt: Seitdem es Exportbeschränkungen für kritische Rohstoffe eingeführt hat, haben Teile der deutschen Industrie mit massiven Schwierigkeiten zu kämpfen. Auch bei Solarmodulen ist Deutschland von Peking abhängig. Zuletzt stammten 87 Prozent der Importe aus China.

 

In Deutschland werden nur noch knapp 230.000 Stück im Jahr produziert. 80 Prozent aller weltweit im vergangenen Jahr verbauten Paneele kamen aus dem Reich der Mitte.

 

Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, findet die Abhängigkeit in Sachen Solarmodule trotzdem wenig problematisch. „Anders als bei Medikamenten, Impfstoffen oder Gas ist die Versorgung mit Solarmodulen nicht entscheidend für unsere nationale Sicherheit“, argumentiert er im Gespräch mit der F.A.Z. Denn Gas stehe am Anfang, Solarmodule hingegen erst am Ende der Lieferkette. „China kann uns mit seinen Solarmodulen nicht unter Druck setzen“, glaubt Wambach, „anders als Russland mit seinem Gas damals.“ Selbst wenn China von einem Tag auf den anderen nicht mehr liefern würde, würde das zunächst „nur“ dazu führen, dass in Deutschland mehr Strom aus Gas und Kohle erzeugt würde und die Klimaziele später erreicht würden. „Das wäre auch nicht im Interesse von China“, sagt der Ökonom. Wenn Afrika nun ebenfalls vermehrt günstige Solarmodule in China kaufe und auf Grünstrom setze, sei das nur gut für das Klima.