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Ein neues Museum in Nigeria hätte Benin-Bronzen zeigen sollen. Doch bei der Eröffnung kommt es zum Eklat

Nigeria

12.11.2025 NZZ 

Ein Prestigeprojekt in Benin City erhielt unter anderem von Deutschland mehr als 8 Millionen Euro. Doch der traditionelle Herrscher ist unzufrieden, und Demonstranten versuchen, das Gebäude zu stürmen.

Samuel Misteli, Nairobi

So hatten sie sich das nicht vorgestellt. Ein neues Museum sollte am Dienstag eröffnet werden, gebaut von einem Stararchitekten, ein Leuchtturmprojekt für die Kunst nicht nur in Nigeria, sondern in ganz Afrika.

Doch dann versuchte am Sonntag ein Mob eine Vorschau-Veranstaltung des Mowaa (Museum of West African Art) in Benin City zu stürmen. Manche der rund zwanzig Männer waren laut Berichten bewaffnet mit Holzkeulen, sie schrien, die geladenen Gäste aus Kunst, Wirtschaft und Diplomatie sollten verschwinden. Unter den Anwesenden, die nach mehreren Stunden von den Sicherheitskräften aus dem neuen Bau geschleust wurden, befanden sich auch europäische Botschafter. Nach der Attacke stoppte das Museum die mehrtägigen Eröffnungsfeierlichkeiten und bat Gäste, nicht nach Benin City zu reisen.

Die Vorgänge in Benin City, einer Millionenstadt im Südwesten Nigerias, gehören in einen grösseren Kontext: den Streit um die Rückgabe der Benin-Bronzen, im 19. Jahrhundert von den Briten aus dem heutigen Nigeria geraubter Kunstschätze, die zu den bedeutendsten Kunstwerken auf dem afrikanischen Kontinent gehören. Das Mowaa war einmal als Heimat für zurückgegebene Bronzen geplant. Stattdessen wurde es zum Zentrum eines Streits, der Europäer zweifeln lässt, ob die Rückgabe der Bronzen eine gute Idee ist.

Der König ist unglücklich mit dem Museum

Das Mowaa-Projekt, begonnen 2019, hatte Schwung in eine Debatte gebracht, die sich seit langem zäh dahinzog. Sollte man die rund 5000 Bronzen, die in europäischen und nordamerikanischen Museen lagen, an Nigeria zurückgeben? Ein Land mit teilweise verlotterten und unterfinanzierten Museen, aus denen früher auch schon wertvollste Kunstwerke spurlos verschwunden waren?

Das Mowaa war die Initiative einer international bestens vernetzten und wohlhabenden Gruppe um den Investor Phillip Ihenacho und den damaligen Gouverneur des Teilstaats Edo, Godwin Obaseki. Europäische Museen und Staaten, allen voran Deutschland, sahen in dem Projekt die Lösung des Problems: ein nigerianisches Museum auf der Höhe der Zeit, dessen Trägerschaft privat sein würde, womit das Museum geschützt wäre vor der Korruption und möglichen Einflussversuchen des nigerianischen Staats.

Länder kündigten Rückgaben an, ein Austauschprogramm für nigerianische und europäische Museumsfachleute entstand, Geld floss. Deutschland allein hat mehr als 8 Millionen Euro für das Mowaa gegeben, wie das Auswärtige Amt Anfang Jahr der «NZZ am Sonntag» mitteilte. Das Museum hat bisher 25 Millionen Dollar gekostet.

In Benin City träumten die Initianten des Museums davon, dass das Museum mit den Bronzen Nigeria eine kulturelle Renaissance bescheren würde. «Vor Hunderten von Jahren schufen wir grosse Kunst. Eigentlich sollten wir heute noch Grösseres schaffen», sagte Enotie Ogbebor, einer der Initianten, bei einem Besuch der NZZ im Juni 2021.

Doch der Traum vom nigerianischen Museum, an das Europäer die Bronzen zurückgeben, womit sie sich auch von historischer Schuld reinwüschen, drohte bald wegen innernigerianischer Streitigkeiten zu scheitern. Oba Ewuare II., der traditionelle Herrscher in Benin City, erhob Anspruch auf die Werke, die zurückgegeben würden. Der Oba ist der Nachfahre des Königs, aus dessen Palast die Bronzen 1897 bei einer britischen Strafexpedition geraubt worden waren. Das Museum des Gouverneurs und von dessen Mitstreitern war dem Oba ein Dorn im Auge, umso mehr als dieses auf einem Grundstück gleich bei seinem Palast zu stehen kommen sollte.

2023 schlug sich die nigerianische Regierung auf die Seite des Oba, sie erklärte ihn zum rechtmässigen Eigentümer zurückgegebener Bronzen. Damit war das Mowaa ausmanövriert. Und in Benin City war bald von drei Museumsprojekten die Rede: dem Mowaa, das nun keine Bronzen erhalten würde; einem bestehenden Nationalmuseum, das renoviert werden sollte; und einem Museum für die Bronzen, das der Oba angeblich plante.

Keine Bronzen, aber das Geld fliesst trotzdem

Für Deutschland und die anderen europäischen Beteiligten, die viel Goodwill und Geld in das Mowaa-Projekt gesteckt hatten, war die Entwicklung in Benin City höchst unangenehm. Im Juli 2022 hatte Deutschland ein Abkommen unterzeichnet, das die Eigentumsrechte der rund 1100 Bronzen in deutschen Museen an Nigeria übertrug. Stimmen in Deutschland forderten nun, geplante Rückgaben zu stoppen.

Trotzdem ging die Debatte um Rückgaben weiter. Zuletzt haben die Niederlande im Juni 2025 119 Benin-Objekte nach Nigeria zurückgebracht. Diese gingen an den Oba. Als wahrscheinlichster Ausstellungsort für die Bronzen gilt inzwischen das alte Nationalmuseum, das laut der nigerianischen Museumskommission neue Lager- und Ausstellungshallen erhalten soll.

Derweil ging es auch mit dem ausgebooteten Mowaa-Projekt voran. Die Initianten nahmen ein Rebranding vor, sie bewarben das Museum nun als einen Ort für zeitgenössische westafrikanische Kunst. Neben Ausstellungsräumen und einem Archiv sollte das Mowaa auch «Residenzen» für westafrikanische Künstler bieten. Es sollte zu einer Art Kunstcampus werden. Die Idee war nicht abwegig: Manche von Nigerias Künstlerinnen und Künstlern werden international gefeiert. Doch die grosse Mehrheit der Kunstschaffenden im Land überlebt mehr schlecht als recht, weil es kaum Institutionen gibt, die sie unterstützen.

Das Geld floss auch ohne Benin-Bronzen. Neben Deutschland gaben auch Frankreich und Dänemark Geld, dazu das British Museum, das die weltweit grösste Sammlung von Benin-Bronzen besitzt, sowie Stiftungen wie die Ford Foundation.

Eingesperrte Botschafter protestieren

Am Dienstag sollte das Mowaa nun offiziell eröffnet werden. Die erste grosse Ausstellung trägt den Titel «Nigeria Imaginary: Homecoming», sie zeigt Werke von zeitgenössischen Künstlern und wurde in kleinerer Form schon im nigerianischen Pavillon an der Biennale in Venedig 2024 gezeigt. Das Mowaa hatte den Pavillon gestaltet.

Die Initianten hatten eine ganze Eröffnungswoche in dem vom Stararchitekten David Adjaye gebauten lehmfarbenen Gebäude geplant, mit Touren, Filmvorführungen, Workshops und Künstlergesprächen. Dazu würde es Nachbildungen von Benin-Bronzen zu sehen geben – aus Ton. Es war also alles vorbereitet, um das Museum trotz allem als Erfolg zu feiern.

Doch dann stürmten die Demonstranten die Veranstaltung, zu der die nationalen und internationalen Gönner des Museums angereist waren – und es wurde deutlich, dass der Streit um das Mowaa nicht ausgestanden ist.

Schon zwei Tage zuvor hatte der neue Gouverneur Monday Okpebholo, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein Verbündeter des Oba ist, den Palast besucht und versprochen, das Museumsprojekt zu untersuchen. «Niemand darf die kulturelle Autorität des Königreichs Benin untergraben», sagte er.

Dem Oba, der keine formelle politische Macht mehr ausübt, aber trotzdem weithin respektiert wird, geht es offenbar unter anderem um den Namen des Museums, das er weghaben möchte. Das Mowaa sei ursprünglich als «Königliches Museum von Benin» angekündigt gewesen – und dabei hätte es bleiben müssen.

Der Diskussion um die Rückgabe dürften die Vorgänge in Benin City nicht förderlich sein. Laut der «Zeit» sollen die europäischen Botschafter, die am Sonntag im Museum eingeschlossen waren, dem Gouverneur am Montag ihre Empörung kundgetan haben. Das nigerianische Kulturministerium versuchte derweil zu beschwichtigen. Ministerin Hannatu Musawa teilte mit, die Regierung werde die nötigen Massnahmen ergreifen, um Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten.