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Der Mord an Lumumba könnte gesühnt werden

Kongo

10.2.26 NZZ

Der Mord an Lumumba könnte gesühnt werden

Ein 93-jähriger belgischer Diplomat muss sich wegen des Verbrechens am Unabhängigkeitshelden vor Gericht verantworten

Samuel Misteli, Nairobi

Alles, was von Patrice Lumumba blieb, ist ein Zahn. Am 17. Januar 1961, ein halbes Jahr nach der Unabhängigkeit, wurde der erste Premierminister von Kongo-Kinshasa von einem Erschiessungskommando getötet. Einige Tage später gruben belgische und kongolesische Polizisten die Leiche wieder aus, zerstückelten sie und lösten sie in Salzsäure auf. Einer der Belgier brach ein paar Zähne aus Lumumbas Gebiss. Zum Andenken. Jahrzehnte später wurde einer der Zähne wiedergefunden. Belgien, die ehemalige Kolonialmacht, hat den Zahn 2022 an Lumumbas Familie zurückgegeben.

Obwohl Patrice Lumumba nur kurz regierte und dann aufs Gründlichste beseitigt wurde, ist er bis heute eine der grossen politischen Figuren Afrikas. In Kongo-Kinshasa und andernorts verehren ihn viele als Ikone der Unabhängigkeit. Als Märtyrer, der mithilfe von Kolonialisten ermordet wurde. Belgien, aber auch Grossbritannien, die USA und andere westliche Länder sahen Lumumba als Gefahr. Als möglichen Verbündeten der Sowjetunion in einer der heissesten Phasen des Kalten Kriegs. Die CIA schmiedete Pläne, Lumumba mit Zahnpasta zu vergiften. Es waren schliesslich die Belgier, zusammen mit Kongolesen, die den Störenfried beseitigten. Zu einem Prozess ist es nie gekommen. Bis jetzt.

Ein prominenter Verdächtiger

Vor einem Gericht in Brüssel hat am 20. Januar eine Anhörung stattgefunden. Ein 93-jähriger ehemaliger Diplomat musste sich dort verantworten. Étienne Davignon wird vorgeworfen, sich an Kriegsverbrechen beteiligt zu haben: an der «widerrechtlichen Festnahme und Überführung» von Patrice Lumumba sowie an der «unmenschlichen und erniedrigenden» Behandlung des gefangenen Premierministers. Die Richter müssen entscheiden, ob Davignon der Prozess gemacht wird.

Davignon ist ein prominenter Kopf. Er war während Jahrzehnten einer der einflussreichsten Belgier. Er sagt von sich, er habe drei Karrieren gemacht: als Diplomat, später als Vizepräsident der Europäischen Kommission, zuständig für Europas Stahlwirtschaft, schliesslich als Wirtschaftsführer bei einigen der grössten belgischen Unternehmen. 2018 wurde Davignon von Belgiens König zum Grafen ernannt. Zum Zeitpunkt der Ermordung Lumumbas war Davignon ein 28-jähriger Diplomat. Er stand am Anfang seiner Karriere, besass aber bereits das Selbstvertrauen, tatkräftig mitzumischen in einer der grossen Krisen der Zeit. Ob er auch bei der Tötung Lumumbas mitwirkte, ist die Frage, die die Richter klären müssen.

Dass Davignon sich vor Gericht verantworten muss, ist bemerkenswert. Das Verfahren kommt einer späten Anklage gegen das belgische Establishment wegen seiner Kolonialvergangenheit gleich. Die belgische Rolle in Kongo war lange vor der Ermordung Lumumbas blutig. Das riesige Gebiet im Herzen Afrikas war ab 1885 eine Privatkolonie des belgischen Königs, ab 1908 des belgischen Staates. Die Jahrzehnte als Privatkolonie gehören zu den brutalsten der Kolonialgeschichte: Zwangsarbeitern wurden systematisch die Hände abgehackt, wenn sie Kautschuk-Lieferquoten nicht erfüllten. Bis zu 10 Millionen Kongolesen – die Hälfte der Bevölkerung – starben, an Hunger, Krankheiten oder bei Massakern.

Als sich in den 1950er Jahren in Kongo wie vielerorts in Afrika Unabhängigkeitsbewegungen regten, trat ein junger Mann mit Intellektuellenbrille und Bärtchen auf. Patrice Lumumba war der Verkaufsleiter einer grossen Brauerei. Er hatte aber auch eine politische Vision: 1958 gründete er das Mouvement National Congolais – die erste politische Bewegung, die Kongo als einheitliche Nation betrachtete.

Lumumba war jung und unerschrocken, er stieg rasch auf. Als Kongo-Kinshasa 1960 wie sechzehn weitere afrikanische Länder die Unabhängigkeit erlangte, wurde er Premierminister. Es war eine Himmelfahrtsaufgabe. Das Land hatte weniger als fünfzig Hochschulabgänger. Es fehlten das Wissen und die Mittel, um ein Land von der Grösse Westeuropas zu regieren.

Replik auf königliche Rede

Lumumba war unbeirrt. Am Tag der Unabhängigkeit hielt er eine Rede, die zu den berühmtesten des 20. Jahrhunderts gehört – und von der Historiker sagen, sie habe ihn womöglich das Leben gekostet. Lumumba war nicht als Redner vorgesehen, er reagierte auf die Ansprache des belgischen Königs Baudouin, der angereist war, um die Kolonie in die Unabhängigkeit zu entlassen. Baudouin behauptete, Belgien habe Kongo «die Zivilisation geschenkt» – was Lumumba nicht dulden wollte.

In seiner Replik sagte der 34-jährige Premierminister: «Man hat uns mit Ironie behandelt, Herablassung, Beleidigung, Schlägen. Wer wird die Erschiessungen vergessen, die Kerker, in denen jene schmachteten, die sich der Ausbeutung nicht unterwerfen wollten?» Lumumbas Protokollbruch ging um die Welt, dank den vielen Journalisten, die für die Feier angereist waren.

Bei der Rede sass auch ein belgischer Nachwuchsdiplomat im Saal. Der Monarch, schrieb Étienne Davignon Jahrzehnte später in seiner Autobiografie, sei «bleich vor Wut» geworden.

Davignon kam aus einer Familie, die gewohnt war, in Belgiens Aussenpolitik mitzureden. Schon sein Vater hatte als Diplomat gearbeitet. Sein Grossvater war belgischer Aussenminister gewesen, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Nun war die Reihe am damals 27-Jährigen.

Nur wenige Tage nach der Unabhängigkeitsfeier stürzte Kongo-Kinshasa ins Chaos. Die Provinz Katanga, in der ein Grossteil der schier unerschöpflichen Rohstoffe des Landes lag, spaltete sich ab – mit belgischer Unterstützung. Es begann, was bald die Kongo-Krise genannt wurde. Premierminister Lumumba schickte zuerst ein Telegramm nach New York, er bat die Uno um Truppen, die helfen sollten, die Einheit des neuen Landes zu wahren. Zwei Tage später kontaktierte Lumumba auch Moskau, bat um sowjetische Hilfe, falls das westliche Lager nicht einschreiten würde. Es war ein folgenschwerer Fehler.

Oberst Mobutu putscht

Lumumba war kein Sozialist, er war ein Wirtschaftsliberaler. Doch die westlichen Mächte verstanden das nach Moskau geschickte Telegramm als Parteinahme. Sie überlegten, wie sie Lumumba beseitigen könnten. Bei der CIA dachten sie zuerst an vergiftete Zahnpasta. Schliesslich finanzierten sie einen Putsch gegen Lumumba. Der Coup wurde am 14. September von einem jungen Oberst namens Joseph Mobutu ausgeführt. Dieser regierte das Land später bis in die 1990er Jahre als Diktator.

Auch die Belgier mischten damals mit. ­Davignons Aufgabe war zuerst, den kongolesischen Präsidenten Joseph Kasavubu davon zu überzeugen, seinen Premierminister zu entlassen. Auch als Lumumba dann weggeputscht worden war, beschäftigte sich Davignon weiter mit ihm. Einige Tage nach dem Putsch telegrafierte er dem nach Katanga umgezogenen belgischen Botschafter: «Fehlende Entschlossenheit, was erklärt, Lumumba noch nicht unschädlich ist. Hauptproblem scheint, Lumumba ausschalten und Einheit kongolesischer Führer gegen ihn erreichen.»

Der letzte lebende Verdächtige

Lumumba wurde schliesslich verhaftet und nach Katanga zu den Sezessionisten geflogen. Dass die Belgier davon wussten, ist unbestritten. Laut dem Historiker Ludo De Witte, der ein Buch über die Tötung Lumumbas geschrieben hat, drängte Belgiens Afrika-Minister darauf, Lumumba seinen Feinden auszuliefern. Wenige Stunden nach der Ankunft in Katanga war Lumumba tot.

In Belgien war die Kolonialvergangenheit lange kaum ein Thema, auch nicht die Rolle, die das Land in der Kongo-Krise spielte. Erst 2001 hielt eine parlamentarische Untersuchungskommission fest, belgische Regierungsmitglieder und andere Akteure trügen eine «moralische Verantwortung» für die Ermordung Lumumbas. Es dauerte zehn weitere Jahre, bis die Familie von Patrice Lumumba Klage einreichte – gegen elf Belgier, die mutmasslich eine Rolle bei der Tötung gespielt hatten.

Noch einmal fünfzehn Jahre später hat nun die Anhörung stattgefunden, bei der sich der letzte lebende Verdächtige verantworten musste, Étienne Davignon. Dieser hat in einem Interview im vergangenen Jahr gesagt, er finde die Vorwürfe «ziemlich absurd». Vor der parlamentarischen Untersuchungskommission hatte er 2001 ausgesagt, er habe erst mit zwei Wochen Verspätung von Lumumbas Tod erfahren.

Die Familie von Lumumba sagt, es gehe ihr nicht um Rache. «Wir haben das Bedürfnis, die Wahrheit zu erfahren», sagte Roland Lumumba, einer der Söhne, vor der Anhörung. Ob es zum Prozess gegen Davignon kommt, wollen die Brüsseler Richter am 17. März bekanntgeben.