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Protest im Paradies

Südafrika

28.7.26 NZZ

Protest im Paradies

In Südafrika machen Demonstranten Jagd auf Ausländer. Die ersten Toten gab es in Mossel Bay – einem Ort, der sich selbst als Idylle versteht

Samuel Misteli, Mossel Bay

Wenn Bürgermeister Dirk Kotzé von seinem Schreibtisch aus dem Fenster blickt, sieht er eine Bucht, in der kleine Segelboote auf golden glitzernden Wellen schaukeln. Dahinter eine dramatische Küste, gerahmt von in Dunst gehüllten Bergen. Mossel Bay, Südafrika, schon portugiesische Seefahrer legten hier an, 1488, es war ihre allererste Landung in dieser Weltgegend. In den letzten Jahren kamen Zehntausende Touristen, sie beobachten Wale, schlagen Golfbälle. Kreuzfahrtschiffe ankern in der Bucht.

Es ist ein Paradies, das Bürgermeister Kotzé mit geschaffen hat. In seinem holzgetäferten Büro hängen Titelseiten und Auszeichnungen, die Mossel Bay bescheinigen, wieder in irgendeinem Rating zuoberst gelandet zu sein. Lebensqualität. Finanzielle Nachhaltigkeit. «Wir sind der bevorzugte Ort, an den Leute in Südafrika ziehen», sagt er.

Doch an einem Freitag Ende Mai zerbrach die Idylle. Dirk Kotzé wollte sich an dem Tag eigentlich mit dem Budget befassen. Stattdessen sah er im Stadthaus zu, wie Drohnen Live-Bilder aus der wenige Minuten entfernten Township übertrugen: Ein Mob von hundert Leuten zog durchs Quartier, machte Jagd auf Migranten. Zündete mehr als fünfzig Hütten an. Prügelte drauflos, so dass neunzig Personen im Spital landeten. Drei Menschen wurden getötet.

Die Lokalzeitung von Mossel Bay schreibt normalerweise über gerettete Katzen und neu eröffnete Einkaufszentren. Nun schrieb sie, in Mossel Bay herrsche eine humanitäre Krise.

Insel der Glückseligen

Südafrika befindet sich seit Monaten im Ausnahmezustand. Tausende von Demonstranten ziehen durch Städte, tragen Transparente vor sich her, auf denen steht: «Zeit, zu gehen.» Sie fordern, dass Migranten ohne Papiere das Land verlassen. Sie stellen sich vor Spitälern auf, möchten Aufenthaltspapiere sehen. Sie verwüsten Läden und greifen Migranten mit Holzlatten und Keulen an.

Mehr als hunderttausend Ausländer haben Südafrika verlassen, viele illegal Eingewanderte, aber auch solche mit legalen Papieren. Länder wie Nigeria oder Ghana organisieren Flüge, um ihre Staatsangehörigen zu evakuieren. Tausende campieren auf offenen Feldern, wie Kriegsvertriebene, weil sie sich in ihren Quartieren nicht mehr sicher fühlen.

Es geschieht in den Grossstädten Johannesburg, Durban, Kapstadt, in Metropolen, in denen Hunderttausende von Migranten leben und in denen es viel Arbeitslosigkeit gibt und Gewalt. Für beides machen die Demonstranten die Migranten verantwortlich.

Aber es geschieht auch in Mossel Bay, wo jeder jeden kennt. Einem der sichersten und reichsten Orte im Land. Wieso ausgerechnet hier? Das fragt sich auch Bürgermeister Kotzé. Er meinte eigentlich, alles richtig gemacht zu haben. Als Bürgermeister lockte er Neuzuzüger an, mit tiefen Steuern, mit der Schönheit der von Steilklippen gerahmten Halbinsel. «Ikonisches Mossel Bay» lautet der Slogan, mit dem die Stadt wirbt.

Es funktionierte. Rentner kamen, angelockt vom moderaten Klima und von einer der besten Herzkliniken des Landes. Jüngere, vermögende Südafrikaner. Reiche Europäer, die sich hier eine Winterresidenz zulegten. Viele Touristen. Menschen aus ärmeren Regionen des Landes auf der Suche nach Arbeit. Migranten.

Drei Jahre in Folge führte ein Ranking Mossel Bay als die am stärksten wachsende Kleinstadt im Land. Die Einwohnerzahl ist innerhalb eines Jahrzehnts von 100 000 auf 150 000 gestiegen. Spannungen zwischen schwarzer und weisser Bevölkerung schien es nicht zu geben, bis zu dem Tag, an dem die Hütten brannten.

Bürgermeister Kotzé wirkt noch immer so, als ob er nicht ganz fassen könnte, was geschehen ist. Er sagt: «Ich war enttäuscht. Betroffen wegen der Getöteten. Weil es so unnötig ist.» Kotzé meint: «Die Leute wären ja nur schon geflohen, nachdem sie ihnen die Hütten angezündet hatten.» Und klingt leicht beleidigt, wie ein Vater, der sein Bestes gegeben hat, um seine Kinder anständig zu erziehen, aber offensichtlich gescheitert ist.

Der letzte Migrant

Es ist nicht leicht, Leute zu finden, die erklären können, was in Mossel Bay genau vorgefallen ist. Brine Miranda sitzt vor seiner Holzhütte in der Township, die vor wenigen Wochen noch Tatort war. Er kam 2008 als Asylbewerber aus Simbabwe nach Südafrika und hat hier drei Kinder grossgezogen. Mittlerweile ist er der letzte Ausländer vor Ort. «So etwas», sagt Miranda, «habe ich selbst in meinem Heimatland nie erlebt.» Von seinem Platz vor der Hütte blickt Miranda auf die verkohlten Reste anderer Hütten. Angesengte Kinderkleider, eine Computertastatur, Schuhe, Matratzen liegen verstreut. Was die Nachbarn zurückgelassen haben.

Brine Miranda biegt mit einer Zange einen Draht zurecht. Er formt ihn zu einem Behälter mit Hühnerbeinen, in dem man Eier lagern kann. Er wird ihn dann an einer Raststätte neben der Strasse verkaufen. So, mit Kunsthandwerk, meistert er sein Leben – an einem guten Tag verdient er umgerechnet 30 Franken, an einem schlechten nichts.

Miranda, 51-jährig, ist einer von Millionen Migranten, die nun verantwortlich gemacht werden für die vielen Probleme Südafrikas. Auch er hat keine Papiere, seine Aufenthaltsbewilligung ist vor zwei Monaten abgelaufen. «Wäre es nicht wegen meines Sohnes», sagt er, «ich wäre auch gegangen.» Sein Sohn, 25, schläft hinter ihm in der Hütte, er ist psychisch krank, kann nicht reisen. Der Vater war nicht da, als die Hütten brannten, er versuchte gerade, im Nachbarort seine Werke zu verkaufen. Er konnte während der Ausschreitungen nicht zurückkehren, es wäre lebensgefährlich gewesen. Seine Nachbarn berichteten am Telefon, sein Sohn habe sich in der Hütte eingesperrt. Er hatte Glück, dass diese nicht brannte. Nun schläft er die meiste Zeit.

Und Miranda hat Angst, dass sie zum Ziel werden. «Es ist ungerecht», sagt er leise. «Sie sagen, dass wir ihnen die Arbeit stehlen. Aber ich bin nicht angestellt, ich nehme niemandem den Job weg.» Er kann die Wut seiner Nachbarn nicht nachvollziehen. Wirkt so ratlos wie Bürgermeister Kotzé. Fünfzig Meter weiter giesst ein Südafrikaner auf der Parzelle einer abgebrannten Hütte Spinatsetzlinge. Fröhliche Musik dudelt aus einer Hütte. Die Atmosphäre hat etwas Gespenstisches.

Die grosse Wut

Man kann die Wut finden. Nicht in Mossel Bay, wo die «Bewegung ohne Gesicht», wie Bürgermeister Kotzé sie nennt, wieder abgetaucht ist. Wo ein Mann, der angeblich als Sprecher der Demonstranten diente, weder Anrufe noch Nachrichten beantwortet. Man findet die Wut in George, einer ähnlichen Stadt wie Mossel Bay, eine kurze Autofahrt entfernt, an der Küste gelegen. George ist etwas grösser, aber ebenso sauber, sicher und reich. Auch hier findet eine Demonstration gegen die Migration statt.

Um 10 Uhr ist der Protestzug auf über hundert Leute angeschwollen. Kinder und Greise sind unter ihnen. Ein Mann schwingt einen Golfschläger. Ein anderer eine Holzkeule. Sie blasen in Trillerpfeifen, einige schwenken Südafrikas Flagge. Sie schreien: «Haut ab.» Sie suchen mit Blicken die Strassen ab, links, rechts, wo sind die Ausländer? Jedes Mal, wenn der Zug an einer Baustelle vorbeikommt, schwellen die Rufe zu Gebrüll. «Haut ab, haut ab.» Auf Südafrikas Baustellen arbeiten viele Migranten, viele von ihnen ohne Papiere.

Mzimkhulu Maboza, 52, hat die Demonstration organisiert. In starkem Kontrast zum martialischen Auftritt der Gruppe sagt er, es gehe ihm darum, Gewalt zu verhindern. Man müsse ein Ventil schaffen, «damit hier nicht dasselbe passiert wie in Mossel Bay». Eine halbe Stunde bevor die Demonstration beginnt, führt er durch die Township. Er deutet auf einen Lebensmittelladen: «Schau, der Shop da, er gehört einem Ausländer. Aus Burundi, glaube ich, man erkennt die Leute aus Burundi daran, dass sie grossgewachsen sind. Kein einziger Laden hier im Quartier gehört einem Südafrikaner.»

Maboza hat gezählt. Mehr als hundert Läden allein in seinem Viertel werden von Migranten geführt. Aber es sind nicht nur die Geschäfte, es sind viele Wirtschaftszweige. Südafrikas Migranten reparieren Handys, fahren Uber, pflegen Gärten, füttern die Kinder der Wohlhabenden. Maboza sagt: «Unsere jungen Leute haben keine Jobs, weil die Ausländer kommen und alles nehmen. Sie halten sich nicht ans Arbeitsgesetz, arbeiten für weniger als den Mindestlohn. Steuern zahlen sie auch nicht.»

Es ist die morgendliche Rushhour in der Township. Männer in Overalls warten am Strassenrand, viele von ihnen sind Migranten. Viele Südafrikaner dagegen bleiben zu Hause. Das Land hat eine der weltweit höchsten Arbeitslosenquoten. Jeder Dritte hat keine Stelle, bei den jungen Erwachsenen sind es zwei von drei. Auch Mzimkhulu Maboza hat keinen Job. Er ist vor über zwanzig Jahren aus einer ärmeren Provinz des Landes hierhergezogen, fand Arbeit als Security-Guard. Bis er seine letzte Stelle verlor. Nun hat er viel Zeit zum Nachdenken darüber, was in Südafrika schiefläuft. Er sagt: «Südafrika ist doch keine Bananenrepublik, wir haben Gesetze. Aber was nützen die, wenn unsere Grenzen völlig offen sind?»

Laut der Uno leben bis zu drei Millionen Migranten ohne legale Aufenthaltspapiere in Südafrika. Das Land ist trotz allen Problemen die grösste Volkswirtschaft in Afrika. Es ist reicher und politisch stabiler als die meisten seiner Nachbarländer. Das zieht Migranten an. Und tatsächlich waren Südafrikas Grenzen in den vergangenen Jahrzehnten durchlässig. Am Grenzfluss zu Simbabwe kommt es täglich zu illegalen Übertritten. Zudem bleiben viele Migranten im Land, nachdem ihre Aufenthaltsbewilligungen abgelaufen sind.

Jene, die die Migranten in Schutz nehmen, sagen, das Land sei auf sie angewiesen. Die Migranten arbeiteten härter, seien für viele Jobs auch besser ausgebildet als arme schwarze Südafrikaner, die in einer Opferpose verharrten.

Vor allem schwarze Südafrikaner wie Mzimkhulu Maboza sind wütend. Als die Apartheid 1994 endete, hofften sie, dass das Land nach den Jahrzehnten der Rassentrennung nun ihnen gehören würde. Sie täuschten sich. Maboza klingt meist so, als ob er wütender wäre auf die Regierung als auf die Migranten. Bevor er sich kurz vor Beginn des Protestzugs zu den anderen Demonstranten gesellt, sagt er: «Unsere Politiker waren bereit, für die Freiheit zu kämpfen. Aber dabei, das Land aufzubauen, haben sie versagt.»

Abgehängte Bevölkerung

Es gibt einen Ort in Mossel Bay, der mehr als jeder andere für den Erfolg dieser Stadt steht. Dafür, was Bürgermeister Kotzé in den letzten Jahren geschaffen hat. Der Ort heisst Pinnacle Point. So benannt nach Felsnadeln, die vor der Küste aufragen. Hier lebt eine Gated Community in teuren Häusern, die sich um einen Golfplatz gruppieren. Fachzeitschriften küren ihn regelmässig zu einem der schönsten der Welt. Golfcarts sind summend unterwegs, gut gelaunte Menschen steigen vor dem Klubhaus aus. Dort wehen die Flaggen Deutschlands, der Schweiz, der Niederlande in der Meeresbrise.

Nach dem Interview in seinem Büro fährt Bürgermeister Kotzé zu einem Termin hierher. Er trifft einen Makler, der Häuser verkauft an Europäer, Amerikaner, neuerdings auch an reiche afrikanische Ausländer. In Pinnacle Point wohnen reiche Europäer und Südafrikaner in Häusern, die von Migranten gebaut wurden und nun von Migrantinnen geputzt werden. «Hier funktioniert noch alles. Es ist der beste Ort der Welt», sagt ein Hausbesitzer, der im Klubhaus sitzt. Migranten haben viel Geld nach Mossel Bay gebracht. Andere Migranten fanden dadurch Arbeit. Aber warum dann die Proteste, warum der gewaltsame Ausbruch?

Bürgermeister Dirk Kotzé glaubt wie der Demonstrant Maboza, dass die Regierung versagt hat. Nicht seine, sondern die des Landes. Er sagt: «Der Fisch stinkt vom Kopf her. In den vergangenen dreissig Jahren hat Südafrika einen totalen Wertezerfall erlebt. Weil wir eine korrupte Regierung haben.» Tatsächlich kann der Bürgermeister nichts dafür, dass die Einwanderungsbehörden überfordert, die Grenzkontrollen inexistent, Millionen von Menschen arbeitslos sind und sich die Regierung nicht darum scherte.

Aber Kotzé hat der armen Bevölkerung seiner Stadt vorgeführt, wie abgehängt sie ist. Dass auch dieses Südafrika nicht ihr gehört. Nirgendwo wurde das deutlicher als in der erfolgreichsten Stadt des Landes. Parallel zu den Häusern der reichen Neuzuzüger in Pinnacle Point entstanden neue Hütten in der Township, in die Migranten zogen, die Arbeit gefunden hatten.

Die Wütenden sehen Kotzé nicht als Erschaffer des Paradieses. Sondern als den lokalen Architekten der Migrationskatastrophe. Der Bürgermeister weiss das. Er sagt: «All diese Ausländer sind hierhergezogen wegen der Chancen. Aber wir haben Viertel, in denen noch immer schwere Armut herrscht, wo viele Leute arbeitslos sind. Wir werden von derselben sozialen Last erdrückt wie alle anderen Städte in Südafrika. Die Leute haben kein Vertrauen in die Regierung, deshalb nehmen sie das Recht in ihre eigenen Hände.»

Südafrikas Regierung hat angekündigt, zu handeln. Sie will die Grenzkontrollen massiv verschärfen, will Arbeitgeber, die Migranten ohne Aufenthaltspapiere beschäftigen, mit Gefängnis bestrafen. Sie will neue Einwanderungs- gerichte einrichten und hat in den letzten Monaten Zehntausende illegal Eingewanderte ausgeschafft. Doch selbst mit einer verschärften Migrationspolitik wird sich das Land nicht grundlegend verändern. Laut der Weltbank ist Südafrika das Land mit der grössten Ungleichheit der Welt. Die Proteste gehen an vielen Orten weiter.

In Mossel Bay ist Bürgermeister Kotzé entschlossen, die alte Ruhe wiederherzustellen. Mit noch mehr Wachstum, mit mehr Jobs, bis der Erfolg alle erfasst hat. «Alle sollen spüren, dass sie hier ein gutes Leben haben. Dass sie respektiert und gehört werden. Wir stecken alle zusammen fest in die- sem Land.»

Es wird nicht einfach. Ein paar Tage vor dem Interview organisierte der Bürgermeister zusammen mit den Kirchen einen Friedensmarsch durch Mossel Bay. Sie zogen auch durch die Township. Leute riefen ihnen zu: «Ihr verschwendet eure Zeit.»