Sklavenhandel
14.9.26
NZZ
Die legendäre Hürrem hiess eigentlich Roxelane
Die westlichen Kolonialmächte haben den Sklavenhandel in Afrika keineswegs erfunden – sie klinkten sich in ein System ein, das der Islam längst aufgebaut hatte. Das Osmanische Reich war berüchtigt für seine Menschenraubzüge. Gastkommentar von Ekkehard Kraft
Sklaven sind Menschen dunkler Hautfarbe, die von Europäern aus ihrer afrikanischen Heimat nach Amerika und in die Karibik verschleppt wurden, um dort über Jahrhunderte hinweg als Zwangsarbeiter missbraucht zu werden: Vorstellungen dieser Art dürften sehr viele mit dem Phänomen der Sklaverei assoziieren. Ideologische Konstrukte wie die Postcolonial und die Critical Race Theory mit ihrer monomanen Fixierung auf den Westen als universalem Schurken haben das Ihre dazu beigetragen, diese zu verfestigen.
Nun sind diese Vorstellungen nicht falsch, aber selektiv, da sie nur einen Teil der historischen Realität widerspiegeln. Die bereits in der Antike bekannte Institution der Sklaverei war keineswegs nur auf den transatlantischen Raum beschränkt. Hautfarbe oder «Rasse» spielten die meiste Zeit keine Rolle. Sklaverei war auch kein spezifisches Merkmal der «westlichen» Kultur, sondern weltweit verbreitet.
Sondersteuer oder Sklaverei
So kannte man sie auch auf der Arabischen Halbinsel schon vor der Entstehung des Islams im 7. Jahrhundert. Während der raschen Expansion strömte eine grosse Zahl Kriegsgefangener als Sklaven in das neu entstandene Grossreich. Gemäss islamischer Auffassung durften sowohl Nichtmuslime, wenn sie sich nicht der islamischen Herrschaft unterwarfen und eine Sondersteuer entrichteten, als auch Kriegsgefangene versklavt werden.
Später wurde die breite Nachfrage nach unfreien Arbeitskräften durch den Sklavenhandel gedeckt. Das Hauptreservoir dafür lag damals in Osteuropa. Griechisch «sklavos» bzw. lateinisch «sclavus» bezeichnete ursprünglich als Volksname die Slawen, bevor das Wort einen Bedeutungswandel durchmachte, der von den meisten europäischen Sprachen übernommen wurde. Selbst im Arabischen bezeichnete «saqaliba» nicht nur – bis heute – die Slawen als Volksgruppe, sondern diente auch als Synonym für Sklaven.
Der Sklavenhandel mit Osteuropäern lag anfangs in der Hand von Wikingern, später dann von Genuesen und Venezianern. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts führte das Khanat der Krimtataren, ein Vasallenstaat des Osmanischen Reichs, im Durchschnitt fast alle zehn Jahre grosse Menschenjagden und Plünderungszüge in den angrenzenden Gebieten durch, die bis weit in die heutige Ukraine und nach Polen führten. Bis zu zweieinhalb Millionen Osteuropäer wurden auf diese Weise vom Ende des 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in den muslimischen Raum verschleppt.
Die Institution des Harems, der mit versklavten Frauen und Mädchen gefüllt wurde, geht bereits auf die Anfänge des Islams zurück. Viele islamische Herrscher und fast alle osmanischen Sultane waren Söhne von Sklavinnen, die dem Herrscher als Konkubinen dienten. Eine Ukrainerin, die den europäischen Zeitgenossen wegen ihrer Herkunft als Roxelane bekannt war – ihr Haremsname war Hürrem –, war die erste Sklavenkonkubine, der ein Sultan – Süleyman der Prächtige – die Freiheit gab und sie offiziell ehelichte. Kösem Mahpeyker, eine von ihrer (damals venezianischen) Heimatinsel Tinos verschleppte Griechin, die Sultan Ahmed I. geheiratet hatte, übte fast zehn Jahre lang bis 1632 für ihren minderjährigen Sohn Murad IV. die Regentschaft aus.
Erster Einsatz der US-Navy
Sklaven wurden auch als Soldaten benutzt, erstmals im 9. Jahrhundert von den in Bagdad residierenden Abbasidenkalifen. Besonders bekannt wurden die Mamluken (eines der arabischen Wörter für Sklave), die vor allem aus dem Kaukasus stammten. Als Kriegerkaste beherrschten sie jahrhundertelang Ägypten. Auch die Janitscharen, die Kerntruppe des osmanischen Heeres, waren Militärsklaven. Mit der in unregelmässigen Abständen durchgeführten Knabenlese (devsirme) wurden in christlichen Gebieten Knaben und Jugendliche zwangsrekrutiert. Sie mussten zum Islam übertreten, nach einer entsprechenden Ausbildung traten die meisten in das Janitscharenkorps ein, einige direkt in den Palastdienst.
Sklaven waren im Osmanischen Reich auf allen sozialen Ebenen zu finden, vom Galeerenruderer und Arbeiter bis zum Grosswesir. Die militärische und administrative Elite des Reichs bestand seit der Mitte des 15. bis ins 18. Jahrhundert fast ausschliesslich aus Sklaven des Sultans, die völlig von dessen Gunst abhängig waren. Nach ihrem Tod fiel ihr Vermögen an den Herrscher.
Ging die Gefahr, als Sklave ins Osmanische Reich verschleppt zu werden, für Westeuropäer ab 1700 stark zurück, galt dies nicht für die unter osmanischer Oberhoheit stehenden nordafrikanischen Barbareskenstaaten Algier, Tunis und Tripolis, deren Korsaren bis ins 19. Jahrhundert die Küstenregionen auf der anderen Seite des Mittelmeers heimsuchten und Schiffe kaperten.
Gleiches galt auch für Marokko, vor allem das Piratennest Salé an der Atlantikküste. Raubzüge im Atlantik führten sie bis zu den Britischen Inseln und sogar nach Island. Von 1500 bis 1800 wurden rund 1,3 Millionen Europäer als Sklaven in den Maghreb verschleppt. Da den Korsaren auch amerikanische Schiffe zum Opfer fielen, provozierten sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ersten überseeischen Einsätze der US Navy und des Marinekorps, zuerst gegen Tripolis, später gegen Algier. Europäische Staaten hatten schon zuvor immer wieder mit Flottenoperationen gegen die Barbareskenstaaten reagiert. 1820 kam es zum letzten Mal zu Überfällen auf europäische Küsten, die Kaperfahrten endeten erst 1830.
Während in die arabischen Gebiete von Anfang an auch zahlreiche Schwarzafrikaner verschleppt wurden, war dies im Osmanischen Reich erst nach 1700 in grösserem Ausmass der Fall. In der Neuzeit wurden bis Ende des 19. Jahrhunderts etwas mehr als fünf Millionen Schwarzafrikaner in die islamische Welt verbracht, ungefähr halb so viele, wie in derselben Zeit über den Atlantik verschifft wurden. Als infolge des Bürgerkriegs in den USA die amerikanische Baumwollproduktion einbrach, stiess die ägyptische Baumwolle in die Angebotslücke. Dabei wurden – wie auf den Plantagen im Süden der USA – schwarze (sudanesische) Sklaven eingesetzt. Weisse Sklaven stammten im letzten Jahrhundert des Osmanischen Reichs fast nur noch aus dem Kaukasus.
Der Sklavenstatus musste kein endgültiges Schicksal bleiben. Es blieb die Möglichkeit des Freikaufs, durch Angehörige in der Heimat, eigens zu diesem Zweck gegründete Mönchsorden wie die Trinitarier oder die Mercedarier bzw. Sklavenkassen, wie man sie in den Hansestädten und nordeuropäischen Ländern kannte.
Ein prominentes Beispiel war Miguel de Cervantes. Der Autor des «Don Quijote» geriet 1575 auf einer Schiffsreise in die Hände algerischer Piraten und wurde 1580 vom Trinitarierorden freigekauft. Der aus einer Patrizierfamilie in Stein am Rhein stammende Johann Rudolf Schmid, seit 1629 für viele Jahre kaiserlicher Botschafter in Konstantinopel, war zuvor selbst achtzehn Jahre kriegsgefangener Sklave im Osmanischen Reich gewesen und vom damaligen kaiserlichen Gesandten freigekauft worden. Der Übertritt zum Islam führte nicht automatisch zur Freilassung, begünstigte diese aber. Kinder von Sklavenkonkubinen erbten deren Status nicht, auch ihre Mütter erlangten mit dem Tod ihres Besitzers (und Vaters des Kindes) die Freiheit.
Schritt für Schritt abgeschafft
Der einzige muslimische Herrscher, der im 19. Jahrhundert die Sklaverei abschaffte, war 1846 der Bey von Tunis Ahmad I., selbst Sohn einer sardischen Sklavin. Ironischerweise war es gerade der europäische Kolonialismus, insbesondere in seiner britischen Ausprägung, der dem afrikanischen Sklavenhandel ein Ende setzte. In Grossbritannien hatte die Bewegung für die Abschaffung der Sklaverei, der Abolitionismus, ihren Anfang genommen. 1808 verbot das Parlament den Sklavenhandel, 1833 die Sklaverei. Die Royal Navy ging zuerst im Atlantik, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dann auch im Indischen Ozean gegen den Sklavenhandel vor. Nicht nur in Ägypten, das die Briten seit 1882 kontrollierten, sondern ebenso in ihren Protektoraten in Afrika schafften sie die Sklaverei ab, nicht zuletzt in Sansibar, jahrhundertelang ein Zentrum des Sklavenhandels.
Im Osmanischen Reich liess das Ende der Sklaverei länger auf sich warten, auch wenn sie allmählich an Bedeutung verlor. Ihr definitives Ende fand sie erst mit der Errichtung der Türkischen Republik in den 1920er Jahren, ungefähr zur selben Zeit wie in Iran infolge der Reformen Reza Pahlevis. In Saudiarabien wurde sie erst 1963 abgeschafft.
Ekkehard Kraft ist Historiker und lebt in Dossenheim in Baden-Württemberg.