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Putins Vormarsch in Afrika stockt

Russland

30.10.26   NZZ

Trotz einem aufwendig inszenierten Gipfeltreffen im Kreml zeigen sich auf dem Kontinent gleich mehrere Schwächen Russlands

Samuel Misteli, Nairobi, Andreas Rüesch

Russland hat in der jüngsten Vergangenheit mehrere Rückschläge auf dem geopolitischen Parkett erlitten, vor allem in Osteuropa und im Südkaukasus. Unbeirrt kämpft es jedoch um Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent, in direkter Konkurrenz zu Akteuren wie den USA und der EU. Ausdruck davon ist das grosse Russland-Afrika-Gipfeltreffen, das Präsident Wladimir Putin am Mittwoch und Donnerstag in Moskau veranstaltet hat. Nach russischen Angaben schickten fast alle Länder Afrikas eine Delegation, allerdings waren nur 22 auf höchster Ebene vertreten. Beim ersten solchen Gipfel, vor sieben Jahren in Sotschi, hatten noch 43 afrikanische Staats- und Regierungschefs teilgenommen.

Der Rückgang spiegelt die Tatsache, dass Russlands Vormarsch in Afrika ins Stocken geraten ist. Vor wenigen Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, Moskau sei daran, den Westen auf dem Kontinent zur Seite zu drängen. In der Sahelzone wiesen Putschregierungen westliche Militärmissionen aus dem Land, weil diese es nicht geschafft hatten, jihadistische Rebellionen in den Griff zu bekommen, und verbündeten sich dafür mit Moskau. Russische Kämpfer der Militärfirma Wagner traten in Mali und weiteren Ländern mit dem Versprechen an, unzimperlicher als die westlichen Soldaten gegen die Jihadisten vorzugehen.

Parallel dazu spannt Russland ein Propagandanetz, das vor allem in Westafrika über kremltreue Medienhäuser, lokale Influencer und Bots die Erzählung verbreitet, Russland sei seit Sowjetzeiten der treue Verbündete des afrikanischen Kontinents. Auch Putin verbreitete am Donnerstag diese Botschaft bei seiner Rede im prunkvollen Grossen Kremlpalast. Er erinnerte an die sowjetische Unterstützung für die Afrikaner im antikolonialen Kampf gegen den Westen. «Wir sind natürliche Verbündete beim Aufbau einer multipolaren, echt demokratischen Weltordnung», die auf dem Respekt für das Völkerrecht und die Grundprinzipien der Uno-Charta beruhen müsse, behauptete Putin.

Die afrikanischen Gipfelteilnehmer dürften sich bei diesen Aussagen ihren Teil hinzugedacht haben. Denn weder ist Russland an Demokratie interessiert, noch taugt es als Bannerträger des Völkerrechts. Mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine verstösst es gegen einen zentralen Gedanken der Uno-Charta und zeigt dabei ein kolonial-imperialistisches Gedankengut, das den Afrikanern gut bekannt ist.

Dass die russische Afrika-Offensive in den vergangenen zwei Jahren erlahmt ist, hat jedoch primär andere Gründe. So konnte Russland sein Versprechen nicht einlösen, die mit al-Kaida oder dem Islamischen Staat verbundenen Jihadisten im Sahel zu bezwingen. Jene Region ist weiterhin das globale Epizentrum des Terrorismus. 2026 beläuft sich die Zahl der im Sahel-Konflikt getöteten Menschen wie in den Jahren zuvor auf rund 10 000. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor dem Einsatz russischer Kämpfer.

Wagner erfolgreich ersetzt

Anfang Oktober halfen russische Truppen der malischen Armee dabei, die strategisch wichtige Stadt Kidal im Nordosten des Landes zurückzuerobern. Es war ein seltener Erfolg. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass die gegen 2000 russischen Kämpfer, die in Mali, Burkina Faso und Niger stationiert sind, nicht genügen, um ein Gebiet zu befrieden, das siebenmal so gross ist wie Deutschland. In Mali fühlte sich die jihadistische Gruppierung Jnim gar stark genug, um im April 2026 die Hauptstadt Bamako anzugreifen. Sie tötete dabei den malischen Verteidigungsminister.

Als Erfolg verbuchen kann die russische Regierung immerhin, dass es ihr gelungen ist, die Wagner-Paramilitärs weitgehend reibungslos durch das Anfang 2024 gegründete Afrika-Korps zu ersetzen. Die Wagner-Gruppe hatte anfänglich als Speerspitze für den Afrika-Vorstoss gedient. Nachdem sich der Wagner-Gründer Jewgeni Prigoschin 2023 gegen den Kreml aufgelehnt hatte, übertrug Russland deren Aufgaben in Afrika an das dem Verteidigungsministerium unterstellte Afrika-Korps.

Inzwischen konzentriert sich dieses Korps stärker auf die Ausbildung der nationalen Armeen – wie es früher die westlichen Missionen getan haben. Trotzdem reissen Berichte über Kriegsverbrechen der russischen Kämpfer nicht ab. Diese erschiessen oder foltern laut Menschenrechtsorganisationen im Sahel immer wieder Zivilisten, die sie verdächtigen, mit den Jihadisten gemeinsame Sache zu machen.

Auch abseits des militärischen Engagements tut sich Russland schwer, in Afrika stärker Fuss zu fassen. Als Handelspartner spielt Russland keine grosse Rolle. Beim ersten Russland-Afrika-Gipfel 2019 hatte Wladimir Putin versprochen, das Handelsvolumen bis 2024 zu verdoppeln – auf 40 Milliarden Dollar. 2025 betrug das Volumen aber erst 27 Milliarden. Das ist ein Bruchteil des Handelsvolumens Afrikas mit der EU (395 Milliarden Dollar) oder China (348 Milliarden Dollar). Es ist auch nur die Hälfte des Handelsvolumens Afrikas mit Frankreich.

Waffenexporte gehen zurück

Selbst beim Waffenhandel, traditionell das stärkste russische Geschäftsfeld in Afrika, hat Russland an Boden verloren. Zwischen 2021 und 2025 gingen die russischen Waffenexporte auf den Kontinent um 64 Prozent zurück. Das liegt daran, dass Russland stark für den Krieg in der Ukraine produzieren muss, aber auch an der Konkurrenz durch China und die Türkei. Erfolgreicher ist Russland im Getreidehandel. Die russischen Weizenexporte nach Afrika sind in den vergangenen Jahren auf eine Rekordhöhe gestiegen, allein im ersten Halbjahr 2026 um 35 Prozent. Ein wichtiger Faktor dafür ist, dass Versorgungsrouten aus der Ukraine weggefallen sind.

Das panafrikanische Meinungsforschungsinstitut Afrobarometer hat im Februar eine Umfrage veröffentlicht, für die Afrikanerinnen und Afrikaner in 38 Ländern zum Einfluss einer Reihe von Mächten befragt wurden. 36 Prozent attestierten Russland einen positiven Einfluss, deutlich weniger als gegenüber China (62 Prozent positiv), der EU (52 Prozent) und den USA (50 Prozent).

Russlands Ruf in Afrika hat in den vergangenen Jahren auch gelitten, weil Moskau in mehr als dreissig afrikanischen Ländern Männer für den Ukraine-Krieg rekrutierte. Viele der Afrikaner wurden getäuscht. Sie reisten nach Russland in der Annahme, dort in Fabriken oder Lagerhäusern zu arbeiten. Vor Ort mussten sie dann Militärverträge unterzeichnen und landeten nach wenigen Wochen Ausbildung an der Ukraine-Front. Hunderte von ihnen wurden getötet.

In mehreren afrikanischen Ländern hat die russische Rekrutierung für Empörung gesorgt. In Kenya demonstrierten Angehörige von Getöteten und Verschollenen während Monaten, bis Kenyas Regierung sich von Russland die Zusicherung holte, nicht mehr in Kenya zu rekrutieren. In vielen Ländern geht die Kampagne aber weiter. Russland wirbt nun stärker in autokratisch regierten Ländern an, deren Regierungen sich nicht wehren und in denen die Zivilgesellschaft zu schwach ist, um Widerstand zu leisten.

Kulturzentren geplant

Afrikanische Regierungen sehen Moskau oftmals nur als einen möglichen Partner unter vielen. Der Gipfel in Moskau bot für Putin nun eine Chance, die Beziehungen zu seinen Amtskollegen zu pflegen. Neue grosse Initiativen wurden bei dem Treffen zwar nicht lanciert. Trotz allen Schwierigkeiten gibt es aber keine Anzeichen, dass Russland sich aus Afrika zurückziehen wird. Es hat in Afrika weiterhin eine stark nachgefragte Dienstleistung zu bieten: Moskau schützt schwache, autoritäre Regierungen vor Umstürzen. So haben russische Kämpfer mehrmals geholfen, Putschversuche gegen die Juntas im Sahel zu vereiteln. Im August griffen Russen ein, als Meuterer in Niger den Präsidentenpalast angriffen.

Da es in Afrika nicht an schwachen, unbeliebten Regierungen mangelt, findet das russische Schutzversprechen auch neue Klienten. So beschützen Mitglieder des Afrika-Korps im Inselstaat Madagaskar einen 2025 an die Macht gekommenen Putschführer. Auch der westafrikanische Küstenstaat Togo, in dem seit 2005 derselbe Machthaber herrscht, hat 2025 Soldaten des Afrika-Korps ins Land geholt.

Um den ramponierten Ruf in Afrika zu verbessern, hat Russland auch seine Propagandamaschinerie noch einmal angekurbelt. In den nächsten Jahren will Moskau in acht afrikanischen Ländern neue russische Kulturzentren eröffnen, unter anderem in Kenya, Kongo-Kinshasa, aber auch in dem kleinen Inselstaat São Tomé und Príncipe.

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