«Die Kämpfer von Boko Haram sind keine Greta Thunbergs mit Kalaschnikows»
11.11.25 NZZ
Trumps Drohung mit einer Intervention zum Schutz der Christen in Nigeria könne eine Chance sein, glaubt der Forscher Ebenezer Obadare
Ebenezer Obadare Nigerianischer Politikwissenschafter
Herr Obadare, Sie schreiben an einem Buch zum nigerianischen Jahrhundert. Nigeria hat ein riesiges politisches und wirtschaftliches Potenzial. Könnte die gegenwärtige Gewalt die Realisierung dieses Potenzials vereiteln?
Ja, das denke ich. Diese Krise ist ein Sinnbild der grösseren nigerianischen Krise. Nigeria ist sozial, regional, ethnisch und religiös gespalten. Die religiöse Trennlinie ist die wichtigste: ein überwiegend muslimischer Norden und ein mehrheitlich christlicher Süden mit zahlreichen gemischten Regionen. Es ist ein fast teuflisches Gebräu aus vielen Nationalitäten und Ethnien, die historisch miteinander konkurrieren und um politische Macht ringen. In jeder Krise treten diese Grundkonflikte wieder zutage. Die Eliten sind fast einhellig der Meinung, es gebe keine Krise, während die Bevölkerung sagt: Moment mal, da ist etwas im Gange, über das wir sprechen müssen.
Sie sagen also, die Elite leugne, dass es überhaupt ein Problem gebe?
Ich denke schon. Ein Beispiel: Mein Mitarbeiter hat bei der Recherche einen alten Tweet des heutigen Präsidenten Bola Tinubu gefunden aus der Zeit, als er noch ein normaler Zivilist war. Darin kritisierte er den damaligen Präsidenten Goodluck Jonathan mit den Worten: «Warum lässt du zu, dass Christen getötet werden? Warum tust du nichts dagegen?» Jetzt, als Präsident, behauptet er, es gebe kein solches Problem. Das ist typisch.
Wird die religiöse Verfolgung auch in Nigeria selbst diskutiert?
Ja, absolut. Trump bezog sich auf die Verfolgung von Christen, und er liegt nicht falsch damit. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Auch Muslime werden verfolgt. Die Bedrohung geht von Boko Haram aus, einer islamistischen Bewegung, die den nigerianischen Staat abschaffen und durch eine Scharia-Theokratie ersetzen will. Für Boko Haram sind nicht nur Christen, sondern auch Muslime, die ihre radikale Auslegung des Korans nicht teilen, Ungläubige. Darum töten sie beide, Christen und Muslime. Aber es gibt noch eine andere Form religiöser Verfolgung, über die kaum gesprochen wird: Blasphemie-Morde im Norden Nigerias. Christen wie Muslime wurden beschuldigt, den Propheten des Islams beleidigt zu haben, und religiöse Mobs sind über sie hergefallen und haben sie getötet. In keinem dieser Fälle wurde bisher jemand strafrechtlich verfolgt. Im Grunde gibt man den Leuten so freie Hand, um weiterzumachen.
Bei Angriffen von Extremisten auf christliche Dörfer heisst es oft, sie hätten mit dem Klimawandel zu tun, weil Viehhirten nach Süden zögen. Was halten Sie von dieser Erklärung?
Ich halte sie für kompletten Unsinn. Phänomene wie Klimawandel und Banditentum sind in meinen Augen nachrangig. Im Norden Nigerias gibt es eine lange Geschichte fundamentalistischer Gruppen, bevor wir das Wort Klimawandel überhaupt kannten. Boko Haram ist nur die neueste Version dieser traurigen Geschichte. In ihren Reden kommt das Wort «Klima» kein einziges Mal vor. Das sind keine Greta Thunbergs mit Kalaschnikows. Die Motivation ist durch und durch religiös.
US-Präsident Trump hat kürzlich mit einer Intervention in Nigeria gedroht. Was hat er richtig gemacht, was falsch?
Was Trump richtig gemacht hat: Er hat das Thema konsequent angesprochen. Schon während seiner ersten Amtszeit hat er den damaligen nigerianischen Präsidenten gefragt, warum Christen getötet würden. Ausserdem hat er Waffen im Wert von rund einer halben Milliarde Dollar geliefert und Nigeria im Dezember 2020 als Country of Particular Concern eingestuft, bevor das von Aussenminister Blinken wieder rückgängig gemacht wurde. Ob er damit recht hat, dass die Verfolgung nur Christen betrifft, sei dahingestellt, aber ihm gebührt Anerkennung dafür, dass er auf dieses Thema aufmerksam macht. Ein Problem wäre es, wenn die USA die nigerianische Regierung ignorieren und auf eigene Faust eingreifen würden. Ich habe sowohl öffentlich als auch privat davon abgeraten. Das wäre kontraproduktiv. Hier besteht eine Chance für Abuja und Washington, um zusammenzuarbeiten, Informationen auszutauschen und gemeinsam gegen Boko Haram vorzugehen.
Es gibt aber Vorwürfe, dass die nigerianischen Behörden selbst in die Gewalt verwickelt seien.
Diese Anschuldigungen gibt es, und sie stammen nicht von Aussenstehenden, sondern von den Nigerianern selbst. Zwei ehemalige Präsidenten – Goodluck Jonathan und Olusegun Obasanjo – haben die Machtträger wiederholt beschuldigt, Boko Haram zu stärken. Auch das Militär war das Ziel von solchen Vorwürfen. Zum einen wegen Korruption, zum anderen, weil es Elemente darin gebe, die den Kampf sabotieren würden. Das sind grosse Hindernisse für jede erfolgreiche Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern. Ob die Vorwürfe glaubwürdig sind, ist gar nicht die Frage. Entscheidend ist, dass sie von den Nigerianern selbst kommen. Das bedeutet: Die Bevölkerung vertraut der Regierung nicht. Und das Militär hatte im Kampf gegen Boko Haram bislang keinen Erfolg.
Der Krieg mit Boko Haram begann vor über fünfzehn Jahren. Woran ist das nigerianische Militär bislang gescheitert?
Zu Beginn nahm die Regierung die Bedrohung nicht ernst. Es gab schon früher jihadistische Aufstände, und man dachte, Polizeiaktionen seien ausreichend. Doch diesmal war es anders. Im Unterschied zu früheren Gruppen hat Boko Haram internationale Unterstützung, von al-Kaida, von al-Shabab in Somalia und anderen. Laut US-Geheimdiensten stand sogar Usama bin Ladin in Kontakt mit ihnen. Darum ist die Bewegung so schwer zu besiegen. Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, die massive Korruption innerhalb des Militärs. In den letzten fünfzehn Jahren sind über eine Milliarde Dollar ausländischer Gelder für den Kampf gegen Boko Haram geflossen. Ein grosser Teil davon ist in privaten Taschen verschwunden. Diese strukturellen Probleme des nigerianischen Staates haben den Kampf gegen Boko Haram behindert.
Wie wurde Trumps Vorstoss in Nigeria selbst aufgenommen?
Die Reaktionen sind gemischt. Manche sagen, Trump solle sich um seine eigenen Probleme kümmern. Das war zu erwarten. Aber zunehmend erkennen viele, dass wir tatsächlich ein massives Sicherheitsproblem haben. Zwischen 50 000 und 350 000 Menschen wurden im Krieg mit Boko Haram getötet, und Millionen Menschen sind geflohen. Ich habe im Sommer ein Lager besucht, in dem einige Menschen seit fast fünfzehn Jahren in provisorischen Unterkünften leben. Wollen diese Menschen, dass die USA unilateral ohne Erlaubnis der Regierung eingreifen? Ich denke nicht, aber sie sagen: Es geht nicht um Trump. Konzentrieren wir uns auf unsere Probleme mit Boko Haram, mit Blasphemie-Gewalt und mit dem nachlässigen Handeln der Regierung. Das ist ein wichtiger Wandel.
Interview: Daniel Rickenbacher