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Die Türkei baut einen Weltraumbahnhof in Somalia

NZZ 12.9.26

Ankara agiert als Mogadiscios wichtigster Sicherheitsgarant – und weitet damit seinen geopolitischen Einfluss aus

Nicole Anliker, Istanbul

Türkische und somalische Streitkräfte haben vor zehn Tagen ein Frachtschiff aus den Händen von Piraten befreit. Dies teilte das Verteidigungsministerium in Mogadiscio mit. Bei dem Einsatz seien vierzehn Piraten getötet und vier ihrer Boote zerstört worden. Eine unbestimmte Zahl weiterer Piraten habe sich ergeben. Die unter kamerunischer Flagge fahrende MV «Lutuf» war Mitte August auf Höhe der Region Nugaal vor der somalischen Küste von den Piraten gekapert worden. Der Einsatz zur Befreiung des Frachtschiffs dauerte laut offiziellen Angaben zehn Tage. Es gehört dem türkischen Unternehmen Polar Movement Shipping.

Wie die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf einen somalischen Beamten berichtete, soll das Schiff türkische Waffen sowie Kommunikationssysteme und Satellitenausrüstung transportiert haben, die für die türkische Militärbasis (Turksom) in Mogadiscio bestimmt waren. Weder Ankara noch Mogadiscio haben dies offiziell bestätigt. Das somalische Verteidigungsministerium erklärte lediglich, der gemeinsame Einsatz habe im Rahmen des bestehenden Verteidigungsabkommens aus dem Jahr 2024 stattgefunden.

Die gesamte Episode wirft ein Licht darauf, wie stark die Türkei am Horn von Afrika Fuss gefasst hat. Ankara agiert als wichtigste Schutzmacht Somalias – und profitiert dafür von einigen Vorteilen.

Ausbildung und Kampfeinsätze

Das Engagement der Türkei in Somalia geht auf das Jahr 2011 zurück. Somalia litt unter einer schweren Hungersnot. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan besuchte das Land und lancierte eine massive Hilfskampagne. Daraus entwickelte sich ein langfristiges Engagement. Bald begann die Türkei mit dem Aufbau staatlicher Strukturen und schuf damit das Fundament, um mittelfristig ihre eigenen strategischen Ziele zu verfolgen.

In der Folge strömten türkische Unternehmen und Organisationen nach Somalia, was die islamistische Terrorgruppe al-Shabab missbilligte. Denn ein starker, funktionierender Zentralstaat gefährdet wiederum ihr Ziel, einen islamistischen Gottesstaat zu errichten. Die Terrormiliz reagierte mit gezielten Anschlägen auf türkische Helfer, Baustellen und die Botschaft. Ankara weitete als Reaktion darauf seine Präsenz auf den Sicherheitssektor aus und errichtete in Somalia mit Turksom den grössten türkischen Militärstützpunkt ausserhalb der Türkei. Dort bildet die Türkei seit 2017 somalische Soldaten aus, die im Kampf gegen al-Shabab eingesetzt werden. Die Terrororganisation versucht durch eine brutale Zermürbungsstrategie, die westlich orientierte Regierung zu stürzen. Türkische Instruktoren haben laut dem somalischen Verteidigungsministerium insgesamt bereits mehr als 25 000 somalische Soldaten und Polizisten geschult. Die Besten schicken sie in Militärakademien in die Türkei.

Über die Basis erhält die somalische Armee auch militärische Ausrüstung aus der Türkei: Artillerie, Kampf- und Aufklärungsdrohnen, gepanzerte Fahrzeuge oder Kampf- und Transporthelikopter. Ankara rüstet die somalischen Streitkräfte nicht nur massiv auf, mittlerweile beteiligt sich seine Armee auch direkt am Konflikt mit al-Shabab. Seit Ende 2022 fliegen türkische Soldaten auf Geheiss des somalischen Geheimdiensts mit den heimischen Kampfdrohnen Bayraktar TB2 und Akinci Kampfeinsätze.

Mit dem Abschluss des Verteidigungsabkommens im Jahr 2024 verpflichtete sich die Türkei zudem für einen Zeitraum von zehn Jahren, die 3300 Kilometer lange somalische Küste militärisch zu schützen. Wie beim Einsatz von vergangener Woche geht es dabei vor allem darum, die Piraterie, aber auch den Terrorismus zu bekämpfen. Im Juni bombardierten in Mogadiscio stationierte türkische F-16-Kampfjets zudem erstmals offiziell Stellungen der Shabab-Miliz im Süden des Landes. Es gibt keine offiziellen Angaben dazu, wie viele türkische Militärs in Somalia stationiert sind. Laut Schätzungen von Experten befinden sich 300 bis 500 feste Ausbilder und Spezialkräfte im Land.

Auch die USA, Katar und Saudiarabien unterstützen den Kampf gegen al-Shabab. Aber keines dieser Länder hat für Somalia eine derart umfassende Bedeutung wie die Türkei: Sie ist sein wichtigster Sicherheitsgarant und Investor. Das Engagement beruht nicht auf Altruismus. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verfolgt handfeste strategische Eigeninteressen. Er sichert seinem Land damit etwa wirtschaftliche Vorteile.

Rechte an Energie gesichert

Somalia ist nicht nur ein wichtiger Absatzmarkt für die türkische Rüstungsindustrie. Gekoppelt an das Verteidigungsbündnis von 2024, haben die beiden Länder auch zwei Energieabkommen unterzeichnet, welche Ankara exklusive Rechte zur Erforschung und Ausbeutung von Off- und Onshore-Öl- und Gasvorkommen zusichern. Für die Türkei ist das auch ein strategischer Gewinn, weil sie stark von Energieimporten abhängig ist.

Als zusätzliche Gegenleistung für das umfassende Engagement übertrug die somalische Regierung der Türkei die Verwaltung des internationalen Flughafens sowie des Seehafens in Mogadiscio, und vor allem: Sie ermöglicht ihr die Realisierung eines eigenen Weltraumbahnhofs. Die Türkei hat Anfang des Jahres mit dessen Bau begonnen. Sie will den 900 Quadratkilometer grossen Küstenstreifen am Indischen Ozean einerseits als Testgelände für ihre Langstreckenraketen und Aufklärungssatelliten nutzen. Anderseits möchte sie von dort aus eigene Raumsonden zum Mond schicken und kommerzielle Satellitenstarts für andere Staaten anbieten.

Somalia eignet sich besonders als Standort eines Weltraumbahnhofs, weil es auf dem Äquator liegt, wo die Rotationsgeschwindigkeit der Erde am höchsten ist. Raketen erhalten beim Start dadurch zusätzliche Beschleunigung. Das spart Treibstoff. Hinzu kommt, dass Raketen von Somalia aus direkt über das offene Meer fliegen und abgeworfene Raketenteile oder Trümmer gefahrlos in diesem landen können. Von Vorteil ist auch, dass vor dieser Küste kaum Flugzeuge oder Schiffe unterwegs sind, die davon gestört würden.

Durch ihre Präsenz in Somalia erweitert die Türkei auch ihren geopolitischen Einfluss. Denn Somalia bildet den östlichsten Teil des strategisch wichtigen Horns von Afrika. Indem Ankara die somalischen Gewässer sichert, schützt es de facto auch den Zugang zum Golf von Aden, zum Roten Meer und zum Suezkanal. Ein Grossteil des Handels zwischen Europa und Asien erfolgt durch dieses Nadelöhr.

Zentralstaat muss überleben

Die Zentralregierung in Mogadiscio steht trotz türkischem Engagement unter Druck. Al-Shabab ist stark, zudem haben mehrere Regionen im Land separatistische Bestrebungen. Für die Türkei ist das Überleben der Regierung der Schlüssel zur Wahrung der territorialen Integrität – und damit zur Absicherung ihrer eigenen Interessen. Angesichts dessen tut sie alles Notwendige, um die Machthaber in der somalischen Hauptstadt zu schützen. Denn bräche die Zentralregierung zusammen, würden sämtliche wirtschaftlichen und militärischen Abkommen gegenstandslos, und Milliardeninvestitionen würden zunichtegemacht.

Ankara würde in dem Fall auch seinen strategischen Ankerpunkt in der Region verlieren. Gleichzeitig würde der Einfluss seiner regionalen Rivalen am Horn von Afrika – Äthiopien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Israel – gestärkt. Somalia entwickelt sich zunehmend zum Schauplatz eines indirekten Konkurrenzkampfs zwischen der Türkei und Israel. Jerusalem hat im Dezember 2025 das eigenständige Gebiet Somaliland im Nordwesten Somalias als unabhängigen Staat anerkannt, was Erdogan scharf kritisierte. Israel will damit den Einfluss der Türkei kontern und ein geopolitisches Gegengewicht am Horn von Afrika schaffen.