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Rassismus-Eruption in Marokko

Marokko

22.1.26   NZZ

Rassismus-Eruption in Marokko

Nach der Niederlage im Afrikacup wütet der Mob gegen Schwarze. Der Hass ist tief verankert. Von Kacem El Ghazzali

«Kaufe keinen Sklaven ohne den Stock dazu, / Denn Sklaven sind schmutzige Elende.» Es entbehrt nicht einer bitteren Tragik, dass ausgerechnet Abu al-Tayyib al-Mutanabbi, der gigantische Dichter des 10. Jahrhunderts, dieser Tage in Marokko eine Renaissance erlebt. Seine Verse sind im Jahr 2026 zu einem banalen, aber brandgefährlichen Schlachtruf verkommen. Die Verse werden über Fotos des senegalesischen Nationaltrainers Pape Thiaw oder Porträts willkürlich ausgewählter schwarzer Menschen montiert.

Wie brutal sich diese Worte in die Realität übertragen, zeigt ein Video aus dem Norden des Landes, das derzeit in sozialen Netzwerken viral geht. Es zeigt einen Marokkaner, der einen schwarzen Mann übel rassistisch beleidigt. Mit den Händen formt er Hasenohren, gestikuliert wild vor dem wehrlosen Mann und brüllt: «Ihr seid Tiere!» Der Betroffene verharrt regungslos, wie eingefroren, während eine Frau ihn schreiend mit weiteren Beleidigungen eindeckt.

Auslöser dieser gesellschaftlichen Eruption war der Final des Afrikacups im eigenen Land, der als Fest geplant war und im Chaos endete. Das Finale, Marokko gegen Senegal, eskalierte in der 97. Minute. Erst wurde Senegal durch einen umstrittenen Schiedsrichterentscheid ein Tor aberkannt, im Gegenzug erhielt Marokko nach einem zweifelhaften Eingriff des Videoschiedsrichters einen Elfmeter zugesprochen. Die senegalesische Mannschaft verliess aus Protest das Feld, auf den Rängen kam es zu Tumulten. Erst nach einer längeren Pause konnte der Penalty ausgeführt werden – der Ball fand nicht ins Tor. In der Verlängerung erzielte Senegal dann das Siegestor.

Die Eskalation blieb nicht auf Marokko beschränkt. Laut marokkanischen Medien wurden in Senegal Marokkaner Ziel von Vergeltungsangriffen. Die Berichte über Attacken auf marokkanische Geschäftsleute in Dakar befeuerten die Spirale des Hasses, die schon vor dem Anpfiff begonnen hatte: Algerische Medien hatten gezielt das Narrativ gestreut, Marokko besteche Schiedsrichter. Als der Videoschiedsrichter eingriff, sahen viele senegalesische Fans diesen Verdacht bestätigt.

Verdrängtes Erbe

Doch dass die marokkanische Reaktion derart rassistisch ausfällt, lässt sich nicht allein mit Fussball erklären. Entgegen der populären postkolonialen Erzählung, Rassismus und Sklaverei seien eine «europäische Krankheit», dokumentiert der marokkanische Historiker Chouki El Hamel in seinem Standardwerk «Black Morocco» eine unbequeme Wahrheit: Der Rassismus im Maghreb sei das Resultat einer historischen Amnesie. El Hamel argumentiert, dass Marokko seine Geschichte der Sklaverei nie aufgearbeitet habe. In der marokkanischen Vorstellungswelt seien «schwarz» und «Sklave» noch immer Synonyme.

Historische Fakten widerlegen die These, der Rassismus sei erst durch den Kolonialismus in den Orient gelangt. Ibn Khaldun, einer der bedeutendsten arabischen Historiker des 14. Jahrhunderts, schrieb unverblümt: «Die schwarzen Völker sind durch ihre geringe Menschlichkeit und ihre Nähe zum tierischen Zustand für die Sklaverei geeignet.» Auch der arabische Gelehrte ­Abu al-Hasan al-Mas’udi kategorisierte schwarze Menschen als «ausgelassen, übermütig und dumm» und führte ihre Hautfarbe auf eine göttliche Bestrafung zurück.

Dass diese historischen Wurzeln bis in die Gegenwart austreiben, zeigen Vorfälle im gesamten nordafrikanischen Raum. Als der tunesische Präsident Kais Saied 2023 schwarze Migranten als «demografische Bedrohung» diffamierte und eine Welle der Gewalt auslöste, fand dies auch in Marokko Widerhall: In Tanger demonstrierten Menschen unter dem schockierenden Slogan «Strassen frei von Schwarzen».

Es ist ein Muster der Enthumanisierung, das die Region durchzieht: In Algerien wurden 2017 Hunderte von Migranten aus Subsahara-Afrika in die Wüste deportiert und dem Tod überlassen. In Libyen werden bis heute schwarze Migranten auf offenen Sklavenmärkten verkauft.

Welche realen Auswirkungen der tief verankerte Rassismus für die Betroffenen hat, schildern besonnene Stimmen wie der Kommunikationsexperte Bilal Aljouhari. In Videobotschaften ruft er eindringlich zur Beruhigung auf und berichtet, dass sich seine Freunde aus Subsahara-Afrika aus Angst vor Übergriffen nicht mehr aus ihren Wohnungen trauten.

Philosophie der Isolation

Der Hass differenziert nicht nach Nationalität. Die Panik hat längst auch die eigenen Staatsbürger erfasst – schwarze Marokkaner, die befürchten, im Eifer des Gefechts für Migranten gehalten zu werden. Der schwarze Komiker Mohamed Zouani kommentierte dies mit einer bitteren Satire auf Instagram. Zu einem Video schrieb er: «Ich habe so getan, als hätte ich nichts gehört, als manche mich sahen und dachten, ich sei ein Subsahara-Afrikaner. Heute werden sie mich verprügeln.»

In dieser aufgeheizten Atmosphäre wird nun auch die zeitgenössische Geistesgeschichte instrumentalisiert. Ein Video des Philosophen Abdallah Laroui wird derzeit massenhaft geteilt. Darin nutzt er die Metapher der «Insularität»: Marokko sei wie eine Insel, und dementsprechend sollten sich seine Bürger auch wie Inselbewohner verhalten.

Die Online-Mobs deuten dies politisch um: Marokko müsse sich von seiner «toxischen» geografischen Nachbarschaft trennen. Die Kommentarspalten sind voll von Forderungen, sich von der als Last empfundenen afrikanischen Realität abzuwenden und stattdessen neue Verbündete wie Israel zu suchen.

Das digitale Schlachtfeld wird dabei massiv ausgeweitet. In den sozialen Netzwerken wird der Begriff der «Remigration», jener Chiffre der neuen Rechten für Vertreibung, inzwischen offen gegen Migranten aus Subsahara-Afrika gewendet. Ein Blick in die «Page Transparency»-Daten von Facebook zeigt zudem, dass einige der aggressivsten rassistischen Seiten von Algerien aus gesteuert werden. Doch marokkanische Intellektuelle warnen davor, die Schuld nur im Ausland zu suchen.

Der Essayist Ahmed Assid geisselte die Kampagne in einer Videobotschaft als «absolut inakzeptabel». Gegenüber der NZZ erklärt er: «In Marokko gibt es vier Arten von Rassismus – Farbe, Religion, Sprache, Abstammung –, die alle auf eine fehlgeleitete Erziehung zurückzuführen sind.» Auf die Frage nach der Rolle des Staates antwortete Assid klar: «Ja, die Verantwortung des Staates ist unbestreitbar. Er muss klare Gesetze erlassen und schulische Inhalte ändern.» Unterstützung erhält er vom «Gewerkschaftlichen Netzwerk für Migration», das in einer Pressemitteilung feststellte: Die Hetze sei «moralisch inakzeptabel und ein eklatanter Verstoss gegen die marokkanische Verfassung».

Ein Schimmer von Solidarität

Noch deutlicher wird die Journalistin Zhor Baki, die das Schweigen der Exekutive anprangert und ein sofortiges Eingreifen der Justiz fordert. «Die Staatsanwaltschaft muss öffentliche Ermittlungen einleiten und mit Härte und Strenge gegen alle Seiten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vorgehen, die zu Rassismus anstiften», schreibt sie und verweist auf eine Doppelmoral: Während politische Meinungsäusserungen von Bloggern nicht selten umgehend geahndet würden, lasse man den rassistischen Mob derzeit gewähren.

Dass die Menschlichkeit noch nicht gänzlich verloren ist, zeigt ein anderes Video aus einem Souk in Marrakesch. Zu sehen ist ein schwarzer Mann, der weint, nachdem er rassistisch beleidigt worden ist. Doch hier kippt die Szene nicht in Gewalt: Junge Marokkaner umringen ihn, küssen ihn tröstend auf den Kopf. Einer ruft der Menge zu: «Lasst den Familienvater in Ruhe, er hat nichts mit Fussball zu tun.» Ein Satz, der wie ein notwendiges Korrektiv in einer aus den Fugen geratenen Zeit wirkt.