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Kongo kämpft mit seltener Virusvariante

Kongo

19.6.26  NZZ

Ebola verbreitet sich diesmal alarmierend schnell – und ein Ende der Epidemie ist vorerst nicht absehbar

Samuel Misteli, Stephanie Lahrtz 

Es ist schon jetzt der drittgrösste Ebola-Ausbruch, seit die Krankheit aufgezeichnet wird, und er dürfte noch viel grösser werden. Am 15. Mai erklärte die Regierung von Kongo-Kinshasa, im Osten des Landes grassiere das Ebolavirus. Es ist der 17. Ausbruch im grössten Land Subsaharaafrikas seit den 1970er Jahren. Bisher haben sich 856 Menschen infiziert, 198 sind gestorben. Das sind bestätigte Fälle, die Dunkelziffer dürfte viel höher sein.

Experten sind alarmiert, weil der Ausbruch erst mit monatelanger Verspätung erkannt wurde. Grund dafür ist die seltene Bundibugyo-Variante: Die in der betroffenen Region vorhandenen Tests schlugen nicht an. Zudem treten Fälle in Gegenden auf, die Hunderte von Kilometern voneinander entfernt liegen. Die staatliche amerikanische Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) schätzt, dass der Ausbruch so gross werden könnte wie der bisher schwerste – dieser kostete zwischen 2014 und 2016 in Westafrika mehr als 11 000 Menschen das Leben.

Hilfsorganisationen haben in den vergangenen Wochen tonnenweise Schutzmaterial in das Ausbruchsgebiet gebracht, Behandlungszentren errichtet und Tausende Kontaktpersonen von Infizierten identifiziert. Doch die Aufgabe ist gross, und wertvolle Zeit ist verlorengegangen.

Flughunde und Fledermäuse

In den letzten Jahrzehnten haben Forscher sechs Varianten von Ebolaviren entdeckt. Da sie aussehen wie ein langer Faden, heissen sie im Fachjargon Filoviren. Derzeit grassiert in Zentralafrika die Bundibugyo-Variante. Diese hat bisher zwei lokale Ausbrüche verursacht, 2007 in Uganda und 2012 in Kongo-Kinshasa.

Forscher gehen davon aus, dass die Viren in Fledermäusen und Flughunden leben. Diese werden selber nicht krank, können das Virus aber auf andere Tiere übertragen. Das passiert, wenn Raubtiere infizierte Fledermäuse oder Flughunde fressen. Eine Übertragung kann auch geschehen, wenn Affen oder andere Tiere mit Körperflüssigkeiten von Virenträgern in Kontakt kommen, zum Beispiel wenn sie Früchte fressen, an denen Kot-, Urin- oder Speichelreste kleben.

Auch Menschen stecken sich auf diesen Wegen an. Beispielsweise, wenn sie infizierte Tiere jagen und ausnehmen oder kontaminierte Pflanzen essen. Hat sich ein Mensch angesteckt, vermehren sich die Viren in sämtlichen Körperflüssigkeiten. Kommen andere Personen damit in Kontakt, können sie sich anstecken. Das kann bei Berührungen, durch Injektionsnadeln oder auch durch Anfassen von Kleidung und Bettwäsche passieren. Allerdings sind – im Gegensatz zum Coronavirus – Ebola-Infizierte laut heutigem Wissensstand erst dann ansteckend, wenn sie sichtbar krank sind.

Nach einer Infektion bricht die Krankheit frühestens nach 2 und spätestens nach 21 Tagen aus. Im Laufe von bis zu 10 Tagen treten zuerst grippeähnliche Symptome wie Fieber und Kopfweh auf. Später kommen Erbrechen, starke Schmerzen sowie innere und äussere Blutungen dazu. Ebolaviren sind zwar weniger ansteckend als Grippe- oder Coronaviren. Doch für Infizierte sind sie viel gefährlicher. Das Ebolavirus vom Typ Zaire tötet bis zu 90 Prozent der Patienten. Die Bundibugyo-Variante ist etwas weniger gefährlich.

Viele erschwerende Faktoren

Eine Pandemie ist hierzulande aus zwei Gründen nicht zu befürchten. Erstens sind Erkrankte kaum noch mobil. Sie können daher genau dann, wenn sie ansteckend sind, in der Regel nicht mehr über grössere Strecken reisen. Zweitens wird Ebola nur durch Körperflüssigkeiten übertragen. Davor kann man sich mit Plastikanzügen, Handschuhen und Gesichtsmasken schützen. Besonders Menschen im Gesundheitswesen sowie Familie und Freunde von Infizierten müssen vorsichtig sein. In vielen Teilen der Welt ist ausreichend Schutzmaterial vorhanden.

Experten sprechen immer wieder vom «perfect storm», der in Kongo-Kinshasa wüte. Dies liegt daran, dass eine Reihe von Faktoren zusammenkommt, die es stark erschweren, den Ausbruch zu stoppen: Die betroffene Gegend ist ein Konfliktgebiet; die Bevölkerung ist trotzdem sehr mobil und kann das Virus entsprechend weitertragen; das Gesundheitssystem in Ostkongo ist sehr schwach; die Menschen in der armen, abgelegenen Gegend misstrauen der Regierung und ausländischen Helfern.

Kongo-Kinshasa ist ein Hotspot für Ebola-Ausbrüche, weil das Land eine riesige Biodiversität aufweist, die das Vorhandensein von Ebolaviren fördert. Fledermäuse und Flughunde sind besonders in Kongo-Kinshasa und anderen zentral- und westafrikanischen Ländern verbreitet. Gleichzeitig ist die Bevölkerungsdichte im Osten des Landes vielerorts hoch, was die Mensch-Tier-Interaktionen und das Risiko der Übertragung von Viren auf Menschen erhöht. Es ist wahrscheinlich, dass auch der gegenwärtige Ausbruch seinen Anfang bei Fledermäusen nahm und das Virus direkt oder über den Umweg eines anderen Tieres auf den Menschen überging. Menschen in Ostkongo jagen und essen Antilopen oder Affen, die das Virus potenziell übertragen können.

Als Ebola in der Region Ituri vor einigen Monaten ausbrach, fand das Virus zudem günstige Bedingungen vor. Bewaffnete Gruppen haben in der Region Hunderttausende von Menschen vertrieben, diese leben oft unter schlechten sanitären Bedingungen. Viele Gebiete sind für Gesundheitsarbeiter kaum zugänglich, weil diese mit Angriffen von Rebellen rechnen müssen. Erkrankte stehen vor demselben Problem: Sie können nicht zu Kliniken reisen, weil der Weg womöglich zu gefährlich ist. Trotzdem ist Ituri eine Gegend, die viele Menschen anzieht, auch aus dem nahen Nachbarland Uganda. Dies liegt daran, dass es sich um eine Goldgegend handelt. Tausende Männer arbeiten in Minen auf engstem Raum.

Eine vernachlässigte Region

Dass sich das Virus so schnell verbreiten konnte, liegt auch an der Schwäche des Gesundheitssystems. Kongo-Kinshasa gehört zu den Ländern, die pro Kopf der Bevölkerung am wenigsten für die Gesundheit aufwenden. Die Epidemie findet zudem Tausende von Kilometern entfernt von der Hauptstadt Kinshasa statt, in einer Randregion, die in der Politik verschiedener Regierungen nie eine wichtige Rolle eingenommen hat. Dies ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Menschen in der betroffenen Gegend nun Autoritäten aufs Tiefste misstrauen.

Das Gesundheitssystem in der Region wurde wesentlich von internationalen Geldern gestützt – allen voran aus den USA. Doch diese haben nach dem Amtsantritt von Donald Trump die Entwicklungshilfebehörde USAID eingestampft – wodurch Kongo-Kinshasa Hunderte von Millionen Dollar pro Jahr verlor. Experten, die die nun betroffene Region gut kennen, sagten der NZZ, es fehle an Medikamenten, Schutzmaterial und Personal. Zudem würden die Leute vielerorts nicht mehr in die Kliniken gehen, weil diese nach dem Verlust von Hilfsgeldern Gebühren hätten einführen müssen. Viele Kongolesinnen und Kongolesen können sich diese nicht leisten.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verlor durch die Kürzungen der USA ihr wichtigstes Geberland. Der WHO fehlen laut eigenen Angaben in diesem Jahr eine halbe Milliarde Dollar. Es wird angenommen, dass die Anzahl Infizierte schon jetzt viel grösser ist als gedacht und dass das Virus noch lange zirkulieren wird. Die WHO und die afrikanische Gesundheitsbehörde Africa CDC schätzen, dass es in den nächsten sechs Monaten 518 Millionen Dollar brauchen wird, um den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen.

Bisher keine Impfung möglich

Es gibt bisher keine Methode zur schnellen Eindämmung der Bundibugyo-Variante. Gegen die Zaire-Variante gibt es zwei zugelassene Impfungen, gegen Bundibugyo aber noch keine. Internationale Organisationen fördern nun drei Kandidaten. So sollen die Vakzine gegen das Zaire-Virus angepasst werden – ähnlich wie bei den jährlichen Grippeimpfstoffen. Zudem sollen zwei aus der Corona-Pandemie bekannte Technologien verwendet werden. Es handelt sich um einen Vektor-Impfstoff der Universität Oxford und ein mRNA-Vakzin der Firma Moderna. Experten erwarten, dass Letzteres in wenigen Monaten zur Verfügung steht.

Momentan können die Helfer den Ausbruch daher nur durch schnelle Unterbrechung der Infektionsketten eindämmen. Das bedeutet, dass sie Infizierte schnell erkennen und isolieren müssen. Alle Kontaktpersonen müssen ausfindig gemacht und ebenfalls isoliert werden. Da der Ausbruch aber schon während Monaten lief, bevor Gegenmassnahmen eingeleitet wurden, hinkt das Ausfindigmachen von Infizierten stark hinterher.

Weil viele Menschen Behörden und Helfern misstrauen, verfangen die Massnahmen in den betroffenen Gebieten weniger. Dasselbe gilt für Beerdigungen – die potenzielle Superspreader-Events sein können. Menschen dürfen ihre toten Angehörigen nicht mehr berühren und somit nicht mehr traditionell beerdigen. Dies stösst auf massiven Widerstand in der Bevölkerung. Mehrere Behandlungszentren wurden von wütenden Angehörigen niedergebrannt. Beerdigungen müssen teilweise unter Polizeischutz durchgeführt werden. Auch deshalb gehen Experten davon aus, dass das Virus noch Monate zirkulieren wird.